Flexibilität fördern, Netzausbaukosten senken:

7 Empfehlungen für die Niederspannung

Der Ausbau der Netze gilt mit Investitionen für Deutschland zwischen 500 und 700 Mrd. Euro bis 2045 als eines der größten Infrastrukturvorhaben unserer Zeit. Rund die Hälfte dieser Kosten wird auf die Verteilnetze entfallen, ein Drittel davon auf die Niederspannung. [1, 2] Deutlich über 90 % der Letztverbraucher sind in der Niederspannung angeschlossen. [3] Gleichzeitig birgt die Niederspannung enorme Potenziale: Allein auf Speicher, E-Fahrzeuge und Wärmepumpen entfallen bis 2030 über 200 GW flexible Leistung . [4] Primäres Ziel energiepolitischer Entscheidungen muss sein, die Ausbaukosten für diese Leistungen so gering wie möglich zu halten und dafür ihr Flexibilitätspotenzial zu nutzen.
Der AgNeS-Prozess zur Reform der Netzentgelte der Bundesnetzagentur (BNetzA) gilt als wichtige Weichenstellung für die Verteilung und Entwicklung dieser Kosten. Dabei erkennt die BNetzA an: Wer die einheitliche deutsche Strompreiszone erhalten will, muss Engpässe innerhalb der Zone wirksam anders adressieren. Der Schlüssel sind dynamische Netzentgelte. Sie werden seit Jahren als effizientestes Instrument von Wissenschaft und dem europäischen Regulierer ACER empfohlen. Wir unterstützen diesen Ansatz ausdrücklich.
Während die Bundesnetzagentur ein progressives und zukunftstaugliches Netzentgelt entwickeln möchte, findet der Ansatz nicht überall Zustimmung – besonders in der Niederspannung wird mit der fehlenden Digitalisierung argumentiert. Zwar werden digitale Verbraucher mit Energiemanagement und Flexibilisierungspotenzial künftig zur Regel, bleiben aber an entscheidenden Stellen der Reform außen vor.
Die Unterstützer dieses Appells werben daher für mutige Reformen auch in der Niederspannung. Das bedeutet vor allem:
1. Dynamische Signale bis in die Niederspannung: Wir unterstützen das gestufte Vorhaben der BNetzA, Engpässe in der Niederspannung erst später zu adressieren, fordern jedoch, Niederspannungskunden von Anfang an an dynamischen Signalen der hohen und mittleren Spannungsebenen teilhaben zu lassen. Dies kann über zentrale, digitale Preisplattformen für das Versenden der Signale geschehen, sowie schlanke Anpassungen in der Marktkommunikation für die Abrechnung.
2. Auch die Niederspannung flexibilisieren: Die Ausbaukosten in der Niederspannung machen auch dort Engpasssignale notwendig. Zwar kann dies zu einem späteren Zeitpunkt durch eine Dynamisierung der bereits bestehenden §14a-EnWG-Logik zeitvariabler Netzentgelte angegangen werden, AgNeS muss diesen Weg jedoch klar vorzeichnen. Wichtig ist dafür auch, dass die bereits heute verpflichtend vorgesehenen zeitvariablen Netzentgelte von allen Verteilnetzbetreibern umgesetzt werden können.
3. Mehr Gewicht für die Anreizfunktion: Die BNetzA plant, die zukünftigen Netzentgelte in einen Teil zur Finanzierung der Kosten (Finanzierungsfunktion) und einen Teil für Anreize für Verhaltensänderungen (Anreizfunktion) aufzuteilen. Wir sind überzeugt: Dynamische Netzentgelte sollten nicht nur heutige Netzengpässe („Redispatch“) adressieren, sondern auch zur Reduzierung des zukünftigen Netzausbaus beitragen. Mit Blick auf die enormen Investitionen ist jedes gesparte Prozent an Netzausbau Milliarden wert. Dazu muss der AgNeS-Prozess auch die Ausbauverpflichtung der Netzbetreiber in den Blick nehmen – etwa durch eine Verpflichtung und Weiterentwicklung der Spitzenkappung (§11 EnWG) bei der Netzplanung im Verteilnetz. Bislang nutzen nur sechs VNB dieses Instrument. Es ist zu teuer, bis zum letzten Kilowatt auszubauen.
4. Weniger Fokus auf Grundpreise: Ein System aus Grund- und Arbeitspreis ist nicht verursachungsgerecht. Grundpreise sind aus verteilungstheoretischer Sicht schon heute fragwürdig, weil das 1-Zimmer-Apartment und das Großraumbüro die gleichen Grundpreise zahlen. Die Rolle von Grundpreisen auszuweiten lehnen wir ab. Sie stammen aus einer Welt, in der Kostenreflexivität nicht genauer darstellbar war. Sie auszuweiten, entspricht keiner zukunftsgerichteten Netzentgeltstruktur.
5. Smarte Systematik für smarte Netznutzer: Dies gilt besonders für Prosumer und flexible Netznutzer. Eine Solaranlage allein darf nicht automatisch zur Erhebung eines erhöhten Grundpreises führen. Kostenreflexivität würde auch bei Prosumern durch den dynamischen Arbeitspreis herbeigeführt werden und bedarf keines technologiespezifischen Zusatzbeitrags mehr. Zusätzlich könnte die BNetzA Prosumern oder anderen interessierten Kundengruppen mit Smart Meter auch ein freiwilliges Opt-in für das Kapazitätsmodell der Großverbraucher über 100.000 kWh/Jahr ermöglichen.
6. Ausgewogene Parametrierung des Kapazitätspreises: Kapazitätspreise können zu einer ausgewogeneren Finanzierungsbasis beitragen und zugleich Planbarkeit für Netzbetreiber schaffen. Wichtig ist jedoch, den (dynamischen) Arbeitspreis dadurch nicht vollständig zu konterkarieren. Andere europäische Beispiele wie Schweden mussten die Folgen übermäßiger Begeisterung für Kapazitätselemente teuer bezahlen: Kunden orientieren sich dort inzwischen fast ausschließlich an der Optimierung ihres Netzanschlusses und reagieren kaum noch auf Preissignale des Strommarkts oder zur Engpassoptimierung.
7. Klarheit beim Baukostenzuschuss (BKZ): Die offene Formulierung im Netzanschlusspaket der Bundesregierung zur Erhebung eines BKZ für Einspeiser droht für Prosumer zur Falle zu werden. Ein Einspeise-BKZ ist nicht sachgerecht, wenn ein Kunde bereits über einen Netzanschluss für den Strombezug verfügt und für diesen ggf. bereits Investitionen getätigt hat. Ohne eine klare Einordnung durch die BNetzA besteht die Gefahr, dass Netzbetreiber diese Unschärfe zu ihren Gunsten auslegen.
Die Unterzeichner sind sich der historischen Aufgabe dieses Reformvorhabens bewusst. Ein Netzentgeltsystem für die kommenden Jahrzehnte zu gestalten, ist schwer. Wichtig ist jedoch, dass der Stand der Digitalisierung von heute nicht zum Leitprinzip gemacht wird.
Faktoren, die die Energiewende heute schon bremsen, wie der schleppende Einbau bei Smart Metern, Probleme beim Datenaustausch oder eine fehlende Digitalisierung bei Standardprozessen müssen ohnehin zeitnah gelöst werden, da sie andernfalls nicht nur die Energiewende gefährden, sondern auch den Wirtschaftsstandort Deutschland. Wir appellieren an den Mut der BNetzA, hier ungeachtet der heute noch vorhandenen technischen Defizite in einigen Verteilnetzen konsequent auf eine auch zukünftig zeitgemäße und effiziente Netzentgeltsystematik hin zu arbeiten.
Quellen verwendeter Daten: [1] www.smard.de (2025), [2] Hans-Böckler-Institut (2024), [3] BDEW (2024), [4] Neue Energien Ökonomik (2024)
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